SEPTEMBER 2010: Anja Hermann ist Direktorin im Mercure Hotel City Center Stuttgart
Beruf: Hoteldirektorin. Berufung: Mutter. Oder umgekehrt?
27.05.2010

Anja Hermann mit Familie
Eine halbe Stunde später erscheint James mit seinem Vater am Tisch. „Mama, wer holt mich heute Abend denn ab?" Anja Hermann wirft einen kurzen Blick auf den alles regelnden Familienplan am Kühlschrank: „Eigentlich ich, wie immer. Das könnte heute aber knapp werden - wir werden sehen." Jil sitzt derweil in Ihrem Babystuhl am Küchentisch und beobachtet das morgendliche Treiben. Um 7.30 Uhr brechen James und Papa Klaus zur Ganztages-Kita auf, denn schon um 8.00 Uhr muss der Zahnarzt in seiner Praxis sein.
Ebenfalls um 8.00 Uhr kommt Teona die Treppe herunter - das Au Pair-Mädchen aus Georgien wohnt im Haus. „Sie ist unser Engel und meistert die tägliche Betreuung von Jil ganz hervorragend", betont Hermann. Bereits im Business-Outfit wurden die Windeln gewechselt, das Fläschchen vorbereitet und die Mahlzeiten bereitgestellt. Es erfolgt eine kurze Übergabe, dann muss Anja Hermann los. Während der zehnminütigen Fahrt zum Hotel vollzieht sie ihre tägliche innere Verwandlung vom Familienmenschen hin zur Businessfrau. Um 8.30 Uhr sitzt sie an ihrem Schreibtisch und ihr Geschäftsalltag als Direktorin beginnt.
„Ja, es ist ein Spagat", erklärt sie. „Doch ich erfülle beide Aufgaben mit großer Leidenschaft. Wer wie ich seit mehr als 25 Jahren in der gleichen Branche arbeitet, der gibt seinen Job - wenn er ihn liebt - nicht auf oder geht das Risiko ein, nach einer Mutterschutz-Auszeit nicht an gleicher Stelle anknüpfen zu können. Und ich liebe meinen Beruf." Bei der Geburt ihres ersten Kindes hatte die heute 40-Jährige noch einen einjährigen Erziehungsurlaub beantragt doch „daraus wurde nichts, denn bereits nach drei Monaten fiel mir die Decke auf den Kopf", erinnert sich Hermann. „Wir haben damals zwei Kinderfrauen engagiert, was wir heute nicht mehr machen würden. Zunächst war ich für drei Tage im Hotel, nach einem Jahr - und einer Ganztages-Kita für James - wieder komplett." Ihre zweite Mutterschaft hat Anja Hermann anders und besser geplant: „Wichtig ist für mich, dass das erste Lebensjahr das Kind in seiner gewohnten Umgebung und nicht weg von zu Hause betreut wird. Das haben die Kinderfrauen zwar auch beim James gemacht, doch die Organisation und Ersatzfindung bei Ausfällen hat mich sehr unter Druck gesetzt. So kam es zur Entscheidung, ein Au Pair zu finden. Nach nunmehr drei Jahren - und drei Au Pairs - hat sich dies als die beste Lösung herausgestellt. In einigen Monaten wird auch Jil, wie ihr Bruder, in eine private Ganztages-Kita gehen. Spätestens dann werde ich meine Arbeitszeit von derzeit 75 Prozent auch wieder auf 100 Prozent hochfahren. Ich weiß, dass es James bis heute eher gut getan als geschadet hat, dass seine Mama nicht immer präsent ist und er sehr früh mit anderen Kindern seinen Tag verbringt." Auf Unterstützung bei der Kinderbetreuung seitens der Großeltern kann Anja Hermann aus Gründen der räumlichen Distanz nicht bauen.

Anja Hermann - Direktorin im Mercure Hotel City Center Stuttgart
Die couragierte Frau ist sich sehr wohl bewusst, dass ihr Fall nicht deckungsgleich auf alle anderen Berufsbilder übertragbar ist. „Das hängt zum einen mit meiner Position, aber auch mit meinem Arbeitgeber zusammen", erklärt sie. „Mercure sowie der Mutterkonzern Accor Hotellerie Deutschland haben sich hier sehr kooperativ, verständnisvoll und kompromissbereit gezeigt. Allerdings empfehle ich jeder Frau, sich nicht in Passivität fallen zu lassen: Schnellstmöglichst habe ich meinen Vorgesetzten Volkmar Pfaff von Mercure Deutschland über die zweite Schwangerschaft informiert und gleich einen von mir ausgearbeiteten Plan für das betroffene Jahr vorgelegt. Organigramm, Umsetzung einer neuen Organisationsstruktur, Vertretungen, Finanzen und Kostenübernahmen seitens der öffentlichen Hand - letztlich konnte ich die monetären Belastungen meines Arbeitgebers relativ gering gestalten. Zusätzlich habe ich mir umgehend zu Hause einen Arbeitsplatz eingerichtet und erledige dort abends noch wichtige Dinge, wenn die Zeit im Hotel nicht ausreicht. Diese Eigeninitiative hat meinen Chef sehr beeindruckt und ich habe große Unterstützung - auch von meinen Kollegen - erfahren. „Mein Vertreter während des zehnwöchigen Mutterschutzes, Jens Beine, konnte diese Gelegenheit prima nutzen, um sich unter Beweis zu stellen und wurde direkt nach meiner Rückkehr selbst Direktor im Mercure Hotel Remscheid." Anhand meines Beispiels möchte ich Frauen Mut machen, beide Lebensziele - beruflichen Erfolg und ein Leben mit Kindern - zu verwirklichen."
Angesprochen auf die hohen Kosten für ihre Kinderbetreuung sagt Anja Hermann: „Ich bin mir bewusst, dass mir meine berufliche Position sowie die meines Mannes erst die finanzielle Möglichkeit für diese umfangreiche Betreuung meiner Kinder - also zwei Plätze für Ganztages-Kita, Au-Pair, Kinderfrau, Putzhilfe oder Babysitter - gibt. Aber gerade Berufe wie meiner verlangen auch extremen und zeitintensiven Einsatz. Hier gilt es abzuwägen. Jeder muss für sich die Entscheidung treffen und die kann von außen nicht be- oder verurteilt werden. Ich persönlich bin gerne bereit, einen großen Teil meines Gehalts in diese Betreuung zu investieren. Wären andere Lebensumstände gegeben, würde ich es nicht anders machen wollen. Am Ende ist doch wichtig, dass alle mit dem gewählten Lebensentwurf zufrieden und glücklich sind. Wenn es der Mutter gut geht, wirkt sich das auch positiv auf das Umfeld - sowohl beruflich als auch privat - aus."
„Diese Wahl sollte möglichst vielen Frauen ungeachtet ihrer beruflichen Stellung ermöglicht werden", so Hermann weiter. „Doch es müssten tief greifendere Veränderungen in Politik und Gesellschaft geschaffen werden, damit, wer es wünscht, jeder seinen Beruf in maximal möglichem Umfang schnell wieder ausüben kann. Vor allem ist eine größere Akzeptanz gefragt. Und darüber hinaus bin ich überzeugt, dass es einer Volkswirtschaft nicht gut tut, wenn leistungswillige und leistungsfähige Arbeitskräfte dem Markt - sei es auch nur für einen begrenzten aber längeren Zeitraum - entzogen werden. Es liegt ja nicht an mangelnder Einsatzbereitschaft und -fähigkeit, sondern an der nicht oder nur eingeschränkt vorhandene Zeitkapazität - und das aus sprichwörtlich ‚lebenswichtigen' Gründen. Trotzdem: Wer kann es einem Arbeitgeber verdenken, Schwierigkeiten mit der Reservierung einer Position, unter Umständen über Jahre hinweg, zu haben?"
„Also sollte das Betreuungsangebot verbessert werden, was ja wiederum auch neue Arbeitsplätze schaffen würde. Schauen wir beispielsweise zu unseren Nachbarn nach Frankreich oder Belgien: Hier gehen rund 70 Prozent der Mütter arbeiten, weil ausreichend Kindergärten und Kitas verfügbar und bezahlbar sind. All dies wünsche ich mir auch für uns - zum Wohle unserer Gesellschaft und Zukunft."